Lateinamerika

Die süd- und zentralamerikanischen Staaten haben bis etwa in das Jahr 2015 hinein kontinuierlich an politischer Stabilität und ökonomischer Stärke hinzugewonnen. Dies führte im Falle der Regionalmacht Brasilien zu spürbar erhöhtem Einfluss auch auf die internationale Politik. Doch sieht sich die Region im Zuge der neuesten Entwicklungen neben den zahlreichen traditionellen politischen und sozioökonomischen Spannungen zunehmend mit neuen gesellschaftspolitischen und internationalen Herausforderungen konfrontiert.

Im Gegensatz zur „Pink Wave“ an linken Regierungen im Zeitraum von 2010 bis 2019 verkörpert Lateinamerika aktuell den Aufstieg konservativer und neoliberaler Präsidentschaften in Argentinien, Chile, Kolumbien und Peru. Brasilien unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro (seit Januar 2019 im Amt) zeichnet sich durch eine radikale Wende in Wirtschaft und Sozialpolitik aus, wie z. B. durch die Einführung deregulierender wirtschaftlicher Maßnahmen und die zunehmende Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens.

Darüber hinaus hat die Eskalation innenpolitischer Krisen und Konflikte, die sich in offenen Zusammenstößen entluden, in einigen Ländern auch eine regionale Dimension herausgebildet. So zeigt sich beispielsweise in Nicaragua eine Welle von Protesten, Repressionen und gescheiterten Verhandlungen unter dem umstrittenen amtierenden Präsidenten Daniel Ortega. Im Ölstaat Venezuela hat sich der Konflikt zwischen der regierenden bolivarianischen Regierungspartei und der Opposition dramatisch verschärft. Die Wirtschaftskrise dort, die laut IWF mit einer erwarteten Hyperinflation von 10.000.000 Prozent einhergeht, führt zu stark ansteigenden Flüchtlingsströmen bis Ende 2019 und trägt dazu bei, die Zahl der geflüchteten Bürger(innen) auf mehr als fünf Millionen zu erhöhen. In beiden Ländern – insbesondere in Venezuela – findet eine gespaltene internationale Gemeinschaft keine Einigung, um die Konfliktparteien zu begleiten und die Krise zu bewältigen. Dabei wird das verstärkte Agieren von externen Akteuren wie China und Russland sichtbar – und der politische Einfluss der Vereinigten Staaten unter Präsident Donald J. Trump erweist sich als weniger bedeutend als noch in früheren Zeiten.

Alle diese Krisen haben gravierende Folgen für die gesamte Region: Die Aufmerksamkeit der Medien wird von den wesentlichen Themen abgelenkt, wie z. B. die bestehenden sozialen Ungleichheiten, die stagnierenden regionalen Integrationsprojekte und die Zukunftsfragen, die der Klimawandel, die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und die Globalisierung aufwerfen.

Die KFIBS-Forschungsgruppe „Lateinamerika“ möchte mithilfe eines dezidiert praxisnahen Beratungs- und Forschungsansatzes die Krisenbewältigung, die notwendigen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Reformprojekte, das Politikfeld „Innere Sicherheit“, die Entwicklung der regionalen Ordnungspolitik und die Rolle der Region auf globaler Ebene, die sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit und in den Medien diskutiert werden, näher in Augenschein nehmen und analysieren. Dabei werden lokale Dynamiken und Herausforderungen sowie regionale, transnationale und globale Zusammenhänge und Dimensionen reflektiert und die Rolle internationaler Politik kritisch diskutiert. Auch finden Fragestellungen zur Konfliktanalyse und zu möglichen Lösungsansätzen sowie zu Friedensprozessen Einzug in die Arbeit der KFIBS-Forschungsgruppe. Nicht nur klassische Ansätze aus den verschiedenen Disziplinen, sondern auch Erkenntnisse aus dem Bereich der sogenannten Kritischen Theorie sowie alternative Entwicklungstheorien bieten ihr in diesem Kontext geeignete wissenschaftliche Anknüpfungspunkte. Die regionale Forschungsgruppe „Lateinamerika“ sieht außerdem ihre Aufgabe darin, komplexe Prozesse einer politisch interessierten Öffentlichkeit in einer allgemein verständlichen Weise zugänglich zu machen.

Die Arbeitsschwerpunkte der Forschungsgruppe „Lateinamerika“ lauten wie folgt:

  • Außen- und Sicherheitspolitik:
    – Interamerikanische Beziehungen und Organisationen (MERCOSUR, OAS usw.)
    – Inter- und biregionale Beziehungen (Europa, Asien, Afrika, USA)
    – Lateinamerika und internationale Organisationen (UN, G20, WTO)
    – Konflikte und Friedensprozesse (innerstaatliche bewaffnete Konflikte, „Drogenkrieg“ in Mexiko, Transitional Justice)
  • Politik und Gesellschaft der Länder Lateinamerikas:
    – Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und (vergleichende) politische Systeme
    – Wirtschafts-, gesellschafts- und sozialpolitische Fragen („Buen Vivir“ als alternatives Entwicklungskonzept, Bildungspolitik, soziale Sicherung, Internationale Politische Ökonomie)
    – Nationale und transnationale Reaktionen sowie Maßnahmen in Bezug auf die Migrations- und Flüchtlingskrise
    – Umweltpolitik (vor allem das Spannungsfeld wirtschaftliche Entwicklung vs. Umwelt- und Klimaschutz)
    – Einfluss der akademischen Diaspora auf die Entwicklung in den Herkunftsländern (Vergleich mehrerer Länder)

Mitglieder der KFIBS-Forschungsgruppe sind:

Margarita Cuervo Iglesias, B.A., M.A., Doktorandin

Frederik Holtel B.A., Master-Student

Kristina Khrul (Diplom in Politikwissenschaft), M.A., Master-Studentin

Nadia Kovalcikova B.A., MSc

Philipp A. J. Lorse B. A., Master-Student

Lovis L. Pape, Student der Rechtswissenschaft

Jakob Schwörer B. A., M. A., Doktorand

Rafael Uribe Neira (Lizenziat in Philologie), Master-Student

Florian L. Volkmer B.A., M.A. (FG-Sprecher)