IB-Theorien und Außenpolitikforschung

Bild von IB/AußenpolitikRationales Handeln und das „Macht- und Sicherheitsdilemma" (John H. Herz): Der Ost-West-Konflikt (1917 bzw. 1945 bis 1990/91) als macht- und ordnungspolitischer Konflikt bildete seinerzeit den maßgeblichen Bezugsrahmen, innerhalb dessen sich die Theoriebildung hinsichtlich der internationalen Politik bzw. der internationalen Beziehungen vollzog. Der (Neo-)Realismus, der so genannte neue Liberalismus und der (Neo-)Institutionalismus sind die vorherrschenden IB-Theorien, denen ein rationales Menschenbild zu Grunde liegt: der Homo oeconomicus - ein rationaler „(Eigen-)Nutzenmaximierer".

Die Herausbildung dieses Menschenbildes als das dominierende in den IB-Theorien muss, unabhängig von dessen geistesgeschichtlicher Tradition analog zu Thomas Hobbes (1588-1679), vor dem Hintergrund der politisch-historischen Geschehnisse der 30er- und 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts betrachtet und verstanden werden. Vor dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) war der Idealismus die vorherrschende IB-Theorie, welche den Menschen als ein vernunftbegabtes Wesen begriff, was in dieser Konnotation gemeinhin als gleichbedeutend mit dem „Guten" verstanden wird. Unter Berufung auf dieses Menschenbild sah der Idealismus das Anarchieproblem des internationalen Systems als lösbar an. Durch die Herausbildung übergeordneter Institutionen und des internationalen Rechts, z. B. in Form des Völkerbundes (1920-1946), sollte es zu einem friedlichen Zustand in der Welt kommen. Die verheerenden Folgen des Ersten Weltkrieges (1914-1918), die sich daran anschließende Gründung (1920) und das spätere Scheitern (1946) des Völkerbundes, die Weltwirtschaftskrise (1929-1932) sowie andere weltpolitische Ereignisse führten sodann zur Ersetzung des idealistischen Menschenbildes durch ein rationales Menschenbild. Die daraus hervorgehenden IB-Theorien waren zunächst einmal der Realismus und mit der Gründung (1945) der Vereinten Nationen (VN) auch der Institutionalismus sowie der Liberalismus - angelehnt an die durch die so genannten Bretton-Woods-Institutionen entstandene Weltwirtschaftsordnung.

Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts (1990/91) hat der Bereich der IB-Theorien eine Ausdifferenzierung vollzogen, welche zunehmend an wissenschaftlicher Bedeutung gewinnt. Die Vielfalt und unterschiedliche Ausrichtung der IB-Theorien lässt sich auf einem Kontinuum zwischen Positivismus und Postpositivismus - mit dem (Neo-)Realismus auf der einen Seite und eher postmodernen Ansätzen auf der anderen - anordnen. Während positivistische Theorien eine bestimmte Handlungslogik voraussetzen und anhand dieser Annahme versuchen, Ereignisse und Prozesse der internationalen Politik zu erklären, gehen postpositivistische Theorien davon aus, dass jedes Handeln durch den jeweils dominierenden politischen Diskurs determiniert wird. Sie stellen somit die grundlegende Frage an den Anfang einer jeden wissenschaftlichen Abhandlung: Wie wird Wissen eigentlich „konstruiert"? Aus Sicht der positivistischen Theorien ist die Anarchie des internationalen Systems eine feststehende Größe. Im Gegensatz dazu besagt eine mögliche postpositivistische Sichtweise in Form des Sozialkonstruktivismus nach Alexander Wendt (1992): „Anarchy is What States Make of It."

So unterstellen postpositivistische Theorieansätze dem (Neo-)Realismus bisweilen eine tautologische Vorgehensweise, indem darauf verwiesen wird, dass dasjenige, was der
(Neo-)Realismus zu erklären versucht, nämlich das Handeln von Akteuren, seiner Theorie inhärent sei. Das Handeln wird hierbei durch „Interessen" erklärt; diese Interessen jedoch setzt der (Neo-)Realismus als gegeben voraus. Abseits der anhaltenden Debatte über die Erklärungsfähigkeit des „strukturellen Realismus" hat sich im Bereich der IB-Theorien eine schwer überschaubare Vielfalt an Theoriesträngen herausgebildet. Diese unterschiedlichen Theoriestränge lassen sich nur bedingt in die Metatheorien einordnen (exemplarisch hierfür: sog. Failed-States-Debatte). Darüber hinaus sind vermehrt interdisziplinäre Forschungsansätze auszumachen, die Themen mit IB-Bezug aus mannigfaltigen Perspektiven betrachten (exemplarisch hierfür: Weltgesellschafts- und Weltkulturdebatte).
Unabhängig von diesem „Theorienpluralismus" ist der Gegenstandsbereich der IB-Theorien von jeher die Analyse außenpolitischen Handelns bzw. die Außenpolitikanalyse von Staaten gewesen. Die Forschungsgruppe „IB-Theorien und Außenpolitikforschung" beschäftigt sich im Rahmen ihrer Arbeit unter anderem mit folgenden politikwissenschaftlich relevanten Fragestellungen:
Wie lässt sich die Irakpolitik der USA erklären? Liegen der militärischen US-Intervention des Jahres 2003 eher idealistische oder vielmehr Kosten-Nutzen-Kalkulationen zu Grunde? Warum entstehen überhaupt regionale Bündnisse? Warum sind staatliche Akteure bereit, ihre Souveränität - zumindest ein Stück weit - abzugeben? Wie erklärt sich die EU-Erweiterungspolitik und wie das Handeln der potenziellen EU-Beitrittskandidaten? Ist „Konditionalität" ein effektives Mittel zur Beeinflussung staatlichen Handelns? Sind Interessen veränderbar? Welche Bedeutung hat der weltpolitische Diskurs für außenpolitische Entscheidungsprozesse? Ist das Weltbild des Menschen ein Konstrukt und somit variabel gestaltbar? Warum eskalierte der Kalte Krieg bzw. der Ost-West-Konflikt nicht, welche Gründe waren hierfür ursächlich? Welchen Einfluss hat die Machtverteilung im internationalen System auf die Stabilität desselben? Wie kommt es zu einer internationalen Gültigkeit von Normen, z. B. der Menschenrechtsnormen? Welche Theorie erklärt diese Forschungsfrage am plausibelsten?

Des Weiteren könnte im Rahmen der KFIBS-Forschungsgruppe die Frage thematisiert werden, wo die Möglichkeiten und Grenzen der Erklärungskraft von Theorien liegen bzw. was diese zu leisten im Stande sind.

Die Forschungsgruppe „IB-Theorien und Außenpolitikforschung" setzt sich zur Aufgabe, theorierelevante Fragestellungen zu diskutieren und zu problematisieren. Dabei soll zum einen anhand theoriegeleiteter Analysen und Studien, zum anderen anhand der Thematisierung von methodischen und theoretischen Problemen ein fruchtbarer Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs in den IB-Theorien geleistet werden.

Die Arbeitsschwerpunkte der Forschungsgruppe „IB-Theorien und Außenpolitikforschung" lauten wie folgt:

  • Neorealistische Theorie und Theoriekritik; die (neue) liberale Theorie der internationalen Beziehungen und deren externe Kritik; Außenpolitikanalyse
  • (Neo-)Realismus, rationaler und soziologischer Institutionalismus sowie konstruktivistische Ansätze
  • Neorealismus bzw. „struktureller Realismus" nach Kenneth N. Waltz und dessen (sozial-) konstruktivistische Theoriekritik von Alexander Wendt
  • Souveränitätsbegriff und Souveränitätskonzepte in den Theorien internationaler Beziehungen
  • Internationale Politische Theorie; Internationale Politische Ökonomie

Mitglieder der KFIBS-Forschungsgruppe sind:

Beiträge zu diesem Themenbereich:

Das Vertrauensproblem im Bündnisfall der NATO im Untersuchungszeitraum 1949 bis 1989/90 aus theoretischer Perspektive: Eine kritische Auseinandersetzung mit der militärischen Beistandspflicht im westlichen Bündnis

[Analyse]

Deutsche/Englische Ausgabe 2/09

Der Beitrag „Das Vertrauensproblem im Bündnisfall der NATO im Untersuchungszeitraum 1949 bis 1989/90 aus theoretischer Perspektive" beleuchtet die „defection"-Gefahr bei Kooperation im Politikfeld Sicherheit. Das Vertrauensproblem unter den staatlichen Akteuren wird am Beispiel der militärischen Beistandspflicht im Bündnisfall der NATO für den Zeitraum des Ost-West-Konflikts untersucht.

Anhand der neorealistischen und neoliberal-institutionalistischen Theorie der Internationalen Beziehungen wird gezeigt, welche Aspekte die Zusammenarbeit in einem Bündnis beeinträchtigen und welche Lösungsansätze geboten erscheinen, um diesem Problem zu entgehen.

Abschließend wird deutlich, dass aufgrund der stark institutionalisierten Organisation der NATO das Vertrauensproblem unter den Bündnispartnern stark reduziert werden konnte, sodass letztlich die militärische Beistandspflicht unter den Verbündeten glaubhaft - sowohl nach innen als auch nach außen - gewährleistet werden konnte.

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Der EU-Erweiterungsprozess und die Gretchenfrage: Ist Demokratie käuflich?

[Studie]

Deutsche Ausgabe 1/09

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatte in den Internationalen Beziehungen (IB) zwischen tendenziell konstruktivistischen Ansätzen einerseits und Rational-Choice-Ansätzen andererseits wird in dieser Studie untersucht, wie sich der Prozess der Demokratisierung und Konsolidierung, folglich die Übernahme liberal-demokratischer Normen durch die EU-Beitrittskandidaten vollzogen hat. Werden diese Normen im Sinne der Logik der Angemessenheit internalisiert oder werden sie auf Grundlage von Kosten-Nutzen-Kalkulationen übernommen? Die vorliegende Untersuchung stützt sich dabei insbesondere auf die Studien von Kelley aus dem Jahr 2004 und Schimmelfennig, Engert und Knobel aus dem Jahr 2003. Beide Studien führen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass die Übernahme von Normen und Regeln der Europäischen Union (EU) durch die Beitrittskandidaten maßgeblich auf rationalen Kosten-Nutzen-Erwägungen beruht.

Ausgehend von dieser Annahme soll die Frage aufgeworfen werden, an welche Grenzen diese Strategie stößt bzw. welche Probleme sich möglicherweise durch eine im Wesentlichen formale Übernahme von Normen ergeben. Die vorliegende Studie konzentriert sich folglich auf die Frage, wie groß der Einfluss der Konditionalität im Rahmen der Osterweiterung der EU auf die Demokratisierung und Konsolidierung von EU-Beitrittskandidaten ist.

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